Hausbesuch bei Helge Schneider in Mülheim. Draußen schnattern Enten im Landeanflug auf die Ruhr, drinnen serviert der Musikclown lecker Essen, umgeben von Trommeln und Trompeten. Hier hat er auch sein neuestes Album „Torero“ aufgenommen. Es bietet genialische Albernheiten, Gesellschaftskritik und Ausflüge in den Dadaismus, gepaart
mit ganz viel Jazz-Musik. Helge muss nicht um jeden Preis witzig sein.
Auf der Platte bezeichnest Du Dich als den letzten Torero auf der Welt?
Manchmal habe ich Gedanken wie: Der Letzte seiner Art. Der Letzte, der noch Motorrad mit Beiwagen fährt mit richtigem Benzin. Der Letzte, der noch keine Gendersprache benutzt. Der Letzte, der noch Telefon und Schwarzweißfernseher kannte. Ich komme aus einer anderen Zeit. Ich gebe mir sowieso schon viel Mühe und viel Geld aus für tolle
Instrumente, aber wenn ich jetzt noch eine Bühne mit pyrotechnik, Laserlights, mehreren Ebenen, vier Leinwänden für Rückprojektionen etc. haben müsste, damit ich in Stadien
spielen kann, – nein, das bin ich nicht, und bin dabei gut gefahren. Ich bin Handwerker der alten Schule mit einem kleinen Betrieb. Ich expandiere nicht.
Den Bassisten Ira Coleman teiltest Du Dir mit Sting.
Ja, manchmal. In manchen Jahren musste Ira nicht nur mit mir, sondern auch mit Sting auftreten. Aber Sting spielt ja selber Bass, und ich auch, also war das kein Problem.
Auf dem Album spielst Du bis auf die Gitarre alle Instrumente selbst.
Die Gitarre wird von Sandro Giampietro gespielt. Im Sommer 2022 sind wir zu zweit unterwegs gewesen. Bei einem Duo ist die Freiheit sehr groß. Sandro spielt akustische Gitarre, so Flamenco-Fusion-Jazz -Blues-Rock, und auch Wandergitarre. Wie am Lagerfeuer – und dazu singe ich und spiele anschließend alle möglichen Instrumente dazu. So haben wir das jetzt auch aufgenommen, ein Riesenspaß. Und Kim Merz von
der Krautrock-Band Wallenstein hat manchmal die Backgroundstimme gesungen. Eine Platte darf ruhig ein bisschen anders sein als ein Live-Auftritt, aber sie sollte schon schön sein. Ich bin nicht der Typ, der eine Platte aufder Bühne genau reproduziert. Ich bin
Jazzer, ich will improvisieren. Ich will mich selber überraschen.
Wollte Dein jüngster Sohn Charlie the Flash diesmal nicht mitspielen?
Charlie geht noch zur Schule, er ist ja erst 12. Voriges Jahr habe ich Auftrittsgenehmigungen für ihn besorgt, was in Deutschland ganz wichtig ist. Aber dann ist er doch nicht immer mitgekommen. Nur ab und zu. Es war ganz abenteuerlich, weil man nie wusste, ob er jetzt mitspielt oder nicht. Letztendlich wollte ich ihm diese Freiheit aber lassen und brauchte dann auch keinen anderen Schlagzeuger. Wenn Charly dabei ist, ist es einfach gut. Er ist ein Drummer, der 100 Prozent zuhört und mit dem man wirklich gut korrespondieren kann. Ich denke, ich werde mit ihm demnächst eine Jazzplatte machen. Jetzt haben wir einen Perkussionisten dabei, wenn Charlie doch mal wieder mitspielt. Der Platz am Schlagzeug ist immer frei für ihn. Aber er kommt sowieso erstmal nicht mit, hat er gesagt. Er spielt lieber Basketball, das ist im Moment sein Lieblingssport.
Wie bereitest Du Deine Kinder aufdas Leben vor?
Ich bereite sie nicht vor, sondern ich lebe ihnen etwas vor. Ich kann auch nicht so tun, als sei ich selber immer pünktlich zur Schule gegangen, wo ich so oft gefehlt hab‘. Das müssen die ja auch wissen. Kinder müssen möglichst viel raus und durchatmen können. Deshalb war für Schüler in den letzten drei Jahren die Maskenpflicht besonders schlimm. Und wenn man Karl-May-Filme boykottiert, muss man auch alte Leute boykottieren. Weil die ein Gedankengut haben, mit dem die moderne Welt nichts zu tun haben will. Da brauchen wir nicht drüber zu reden. Alles Kokolores.
Könnte man Deine Filme noch zeigen, ohne bei „Woken“anzuecken?
Für mich existiert weder diese woke Generation noch die so genannte Gendersprache. Ich interessiere mich nicht für sowas. Der soziale Zusammenhalt wird so gefährdet. Die moderne Zeit erfordert, dass alle Menschen irgendwie gleich werden. Schreckliche Vorstellung. Nichts für mich. Luft anhalten und durch.
Was ist für Dich das Schlimmste auf der Welt?
Neid und Missgunst. Ich glaube, dass das ein großes Problem ist, vor allem für die Menschen, denen es gut geht.
Du singst, dass Du Dir demnächst ein Tattoo stechen lassen willst. Welches Motiv?
Gar keins. Das ist nur ein Liedtext. Darin will ein Typ seiner Freundin imponieren und lässt sich ihren Namen auf den Sack tätowieren. Aber leider sieht das dann ja keiner. Ich habe Fans in Neuseeland, die sind nach Tradition tätowiert. Das sieht ganz toll aus, ist aber nicht zu vergleichen mit einer Prêt-à-porter-Tätowierung wie ein Arschgeweih oder ein Röschen auf der Schulter. Manche Leute haben sich schon Zeichnungen von mir auf den Arm stechen lassen, hab ich gesehen. Ich persönlich lasse mich jetzt nicht mehr tätowieren, mit 67. Das wäre ja so, als würde ich mir eine an der Seite geschnürte Lederhose und eine Harley Davidson kaufen und plötzlich Rocker sein.
Bis Du ein Genussmensch?
Ja schon. Ich esse gern leckeres Essen. Aber ich bin kein Feinschmecker. Manchmal genehmige ich mir mit Bärchen, einem von unseren Jungs, leckeres Essen. Zum Beispiel freuen wir uns schon Wochen vorher darauf, in München eine halbe Hausente mit Semmelknödel und Rotkohl mit Pflaumen zu verspeisen. Und danach einen Kaiserschmarrn mit Apfelmus. Und zu guter Letzt einen Gebirgsenzian.
Ist Musik vielleicht auch Vorbeugung gegen Krankheiten?
Musik ist auf jeden Fall eine gutePrävention.
So lange weitermachen, bisder liebe Gott sagt: „Jetzt ist Schluss!“?
Klar. Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Es gibt diesen Trompeter mit den tollen Jacken, Doc Severinsen. Der wird bald 96 und hat gefühlte 100 Jahre in einer amerikanischen täglichen Talkshow trompetet. Wenn man sich Krimis wie „Die Straßen von San Francisco“ anschaut, meint man, seine Trompete zu hören. Bei Doc Severinsen sitzt jeder Ton, was artistisch fast schon unmöglich ist, aber er tritt immer noch auf – im Sitzen. Ich denke, der tritt in zehn Jahren immer noch auf. Vielleicht dann im Liegen.
Olaf Neumann
Helge Schneider live
in Hamburg: 01.09. & 02.09.23
Stadtpark Freilichtbühne